7
95

Ernährungstrend Insekten

Ein neuer, nachhaltiger Trend zeichnet sich in unserer Ernährungsweise  ab – der Genuss von Insekten scheint nicht mehr nur als eine exotische Gaumenfreude in Entwicklungsländern wahrgenommen zu werden. Was sonst nur in Reisedokumentationen nicht ohne einen gewissen Ekelfaktor präsentiert wurde, könnte bald so normal auf unseren Tellern werden wie ein Stück Rumpsteak. Eine Pionierrolle innerhalb der EU nimmt dabei die Schweiz ein, denn dort ist seit Mai 2017 die Verarbeitung und der Vertrieb von drei Insektenarten als Nahrungsmittel genehmigt. In Schweizer Supermärkten und Restaurants kann der Verbraucher somit kreative Zubereitungen aus Mehlwürmern, Grillen und Wanderheuschrecken entdecken. Die Supermarktkette Coop zum Beispiel reagierte prompt auf den Trend und bieten einen Insekten-Burger und Hackbällchen aus Insekten in ihrem Sortiment an. Die innovativen Produkte wurden zusammen mit dem Schweizer Startup Essento entwickelt, welches die proteinreichen Tierchen wirkungsvoll als “Future-Food” vermarktet.

Pasta aus Grillen

Pasta aus Grillen

Die Nährstoffe überzeugen

Die Nährstoffzusammensetzung spielt bei der Kategorisierung von Nahrungsmitteln in gesunde oder ungesunde Nahrungsmittel eine herausragende Rolle. Essbare Insekten haben in dieser Hinsicht einige unschlagbar vorteilhafte Eigenschaften vorzuweisen. Sie enthalten für den Menschen besonders wertvolle Proteine, Vitamine und Aminosäuren.

Für Tiere und Menschen in anderen Kulturkreisen wie in Südostasien oder Lateinamerika stellen Insekten daher schon immer eine wichtige Nahrungsquelle dar. Insekten sind darüber hinaus die zahlenmäßig mit Abstand größte Artengruppe – geschätzte 80% aller Tiere auf unserem Planeten sind Insekten.

100 Gramm Heuschrecken oder Grillen enthalten 14 bis 32 Gramm Protein inklusive aller essenziellen Aminosäuren; sie sind eine gute Quelle für ungesättigte Fettsäuren und enthalten Eisen. Bei Grillen liegt das Verhältnis von Omega-3 und Omega-6-Fettsäuren besonders günstig. Wenn Grillen mit einer proteinreichen Getreidekost gezüchtet werden, enthalten sie sehr viele B-Vitamine, inklusive Vitamin B12. Ihr Vitamin B12-Anteil liegt dabei genau genommen fast zehnmal höher als bei Lachs. Außerdem enthalten sie viel Vitamin A und hohe Mengen an Riboflavin (Vitamin B2). Essbare Grillen enthalten fast fünfmal mehr Magnesium als Rindfleisch sowie dreimal mehr Eisen. Sie enthalten Zink und liefern mehr Kalzium als Milch. Die äußerste, wachsartige Hülle von Grillen, Heuschrecken und Käfern, das sogenannte Exoskelett, besteht aus dem Cellulose-ähnlichem Kohlenhydrat Chitin. Dieser Ballaststoff hat eine vorteilhafte Wirkung auf die Darmflora, da Chitin probiotisch wirkt und eine gesunde Verdauung fördert. Die Proteine, Fette, Vitamine und Mineralstoffe aus Insekten werden vom menschlichen Körper besonders gut absorbiert. Da bei Insekten das gesamte Tier verspeist wird und nicht nur die Muskelmasse, ergeben sich also zahlreiche positive Nebeneffekte durch die Vielzahl an aufgenommenen Nährstoffen.

Insekten

Chitin ist ein Teil des Exoskeletts von Insekten

Mehlwürmer sind mit einem Proteingehalt von etwa 45% für Sportler oder Bodybuilder ein besonders interessantes Nahrungsmittel. Als Pulver oder isoliertes Protein finden sie immer häufiger Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel, ein Schweizer Student entwickelte bereits 2015 einen entsprechenden Proteinriegel für den Muskelaufbau. Die leicht nussig und nach Garnelen schmeckenden Krabbeltiere könnten also schon bald das neueste Superfood für Gesundheitsbewusste werden.

Kostengünstig und umweltschonend

Abgesehen von ihrer vorteilhaften Nährstoffzusammensetzung sind Insekten sehr viel umweltfreundlicher als herkömmliche Proteinquellen wie Rind, Schwein, Geflügel oder Fisch. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Insekten benötigen sehr viel weniger Futter als Rinder, Schweine oder Geflügel, um die gleiche Menge an Protein zu erzeugen. Um 1 kg Rindfleisch zu erzeugen, werden 10 kg an Futtermittel benötigt und von dem Rindfleisch kann nur etwa die Hälfte verzehrt werden. Mit 10 kg Futtermittel kann man aber auch 9 kg Insekten züchten, wovon über 95% verzehrt werden können. Die mögliche Kostenersparnis wäre also äußerst überlegenswert, denn die Aufzucht von essbaren Insekten ist nicht nur sehr viel billiger, sondern liefert auch sehr viel mehr verwertbare Nahrung.

Darüber hinaus sind Insekten keine Warmblüter und benötigen sehr viel weniger Energie als Nutztiere, um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Das bedeutet, dass ein Großteil der zugeführten Energie aus Futtermitteln direkt für das Wachstum und damit der Erzeugung von essbarem Protein verwendet wird.

Insekten erzeugen sehr viel weniger Treibhausgase als herkömmliche Nutztiere. 1 Kg Grillen und Heuschrecken produziert nur 2 g Kohlenstoffdioxid. Im Vergleich dazu produziert ein Rind 2850 g Kohlendioxid, das entspricht dem Umwelteinfluss einer 250 km langen Fahrt  mit dem Pkw.

Insekten produzieren 60 mal weniger Methan als Rinder und dieser Umstand ist besonders bedeutsam, da Methangas den globalen Temperaturanstieg 25 mal mehr begünstigt als das berüchtigte Kohlenstoffdioxid. Insgesamt schlägt die Viehzucht mit 27% unseres Wasserverbrauchs und 18% unserer Treibhausgaserzeugung zu Buche.

Die Zucht von essbaren Insekten hingegen benötigt sehr wenig Platz für die Insekten und deren Futtermittel und ist allgemein sehr viel umweltschonender als die industrielle Viehzucht.

Wenn also mehr Menschen zu einer Ernährungsweise, die herkömmliche Proteinquellen wie Rindfleisch und Geflügel durch Insekten ersetzt, übergehen würden, wäre das ein riesiger Schritt in Richtung nachhaltige Nahrungsmittelerzeugung.

Insekten als Nahrung

Ganz normal in vielen Ländern

Die psychologische Barriere überwinden

Die meisten Menschen haben zu Insekten eine ganz andere Einstellung als zu größeren Tieren. Die Gründe dafür liegen in der Evolution und der Sozialisierung des Menschen. Insekten kommen oft in größeren Gruppen vor, haben 6 oder mehr Beine und vollziehen schnelle, unvorhersehbare Bewegungen. Durch ihr Erscheinungsbild, das dem von Bakterien und Parasiten ähnelt und ihrem gehäuften Vorkommen in Abfällen und Aas könnte erklärt werden, warum der Mensch die Idee, sich von Insekten zu ernähren, abstoßend findet. Im Laufe der Evolution entwickelte der Mensch die Viehzucht; größere Tiere wie Kühe und Schweine ergaben dabei den größten Ertrag, außerdem waren sie mit ihrer Herden-Mentalität leichter kontrollierbar und ihre Felle konnten zu Kleidung verarbeitet werden.

Von Insekten kann offensichtlich nicht das Gleiche behauptet werden und ihr Vorkommen wurde eher mit dem Auftreten von Krankheiten assoziiert.

Gusanos

“Gusanos” in Mexiko

Kleinkinder ekeln sich allerdings nicht vor Insekten und nehmen diese beim Spielen mitunter auch in den Mund; erst durch die Sozialisierung erwerben Menschen eine Abscheu gegenüber Insekten. Die negativen Reaktionen gegenüber Insekten, die sich über Jahrtausende hinweg entwickelt haben, sind wahrscheinlich ein evolutionärer Schutzmechanismus.

Damit Insekten als nachhaltiges und wertvolles Nahrungsmittel globale Akzeptanz finden können, muss die instinktive, emotionale Reaktion diesen gegenüber überwunden werden. Bei etwa einem Drittel der Weltbevölkerung stehen Insekten traditionell mit auf dem Speiseplan und diesem Anteil der Bevölkerung ist der Ekel vor Insekten im Kindesalter offensichtlich nicht antrainiert worden. Eine gezielte Information über das Nährstoffprofil und die Vorteile für die Umwelt des Insektenkonsums könnten hier helfen, genauso wie eine visuell nicht abschreckende Zubereitungsform, z.B. durch das Zerkleinern zu Insektenmehl, stellen wichtige Ansätze da, um die psychologische Barriere gegenüber dem Konsum von Insekten zu überwinden.

Show Comments

No Responses Yet

Leave a Reply

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close